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1835 entdeckte William Fox Talbot das Fotogramm, doch erst nach 1919 - in der Zeit der Suche der Avantgarde nach dem verborgenen Ort in der Psyche, der die sprachlichen Zeichen produziert und zunächst dem Unbewussten gleichgesetzt worden war- begann die große Faszination an seiner Individualität und Unvorhersehbarkeit. Raoul Hausmann beschreibt dieses fototechnische Verfahren als Schreiben mit Licht, als Umkehrung von Schwarz und Weiß, als "Sehen /der/ Dinge durch die Dunkelheit, die die Modellierungen wiedergibt": das Fotogramm behält die Körperhaftigkeit des Ausgangsobjekts und verräumlicht sie als Transformationen des Lichts.

Shannon Bool experimentiert in ihren Arbeiten sehr frei und spielerisch mit den Techniken des Fotogramms. Ihr Interesse an Quellen der Literatur, der Fiktion, an Psychologie und dem Unfassbaren visualisiert sie in sensiblen Lichtmalereien und –kollagen, die kein Objekt einzeln wiedergeben soll sondern einen Umraum, eine Atmosphäre in undeutlichen Überlagerungen und Verdichtungen. Doris Lessings The Golden Notebook (1962), ein komplexer Roman über weibliche Intellektualität und das geistige und moralische Klima Mitte des 20. Jahrhunderts, baut entlang einer Rahmenhandlung auf den Notizbüchern seiner Protagonistin auf. "Sie führt vier und nicht eines", schreibt Doris Lessing, "weil sie, wie sie erkennt, die Dinge voneinander getrennt halten muss, aus Furcht vor dem Chaos, vor Formlosigkeit - vor dem Zusammenbruch." Shannon Bool visualisiert diesen Facettenreichtum einer Psyche, der sein Pendant im konstruktivistischen Aufbau des Romans findet, mithilfe des Fotogramms. Die mehrfach gespiegelte Porträtfotografie der Autorin, deren strenges Profil an Gedenkbilder auf Kameen oder Medaillons erinnern lässt, klappt sich wie zahlreichen Guckkästchen am unteren Bildrand auf. Auf der lichtempfindlichen Schicht des Fotopapiers ist es mal scheu und verschwommen, dann wieder klar und pointiert im Vordergrund fixiert - es bewegt sich zwischen lose übereinandergelegten Papierblättern in einem diffusen Bereich von Licht und Schatten.

In einem weiteren Fotogramm beschäftigt sich Shannon Bool mit der Fallstudie Sigmund Freuds von dem russischen Emigranten Dr. Sergej Pankejeff (1887-1979), dem sogenannten Wolfsmann. Die Wölfe, die Pankejeff in seinem Kindheitstraum auf einem Baum sitzend außerhalb seines Schlafzimmerfensters zu sehen glaubte, deutete Freud als Visualisierungen von Ängsten und Zwängen, die auf einer sexuellen Fehlentwicklung basieren. Eine Zeichnung Pankejeffs aus dem Jahr 1964 diente Shannon Bool als Vorlage und zugleich Positiv, das sie mithilfe des fototechnischen Verfahrens verkehrt, die unteren Schichten des Dargestellten sprichwörtlich ans Licht holt. Für ihre Zeichnung der nächtlich betrachteten Walnussbäume verwendet sie als Untergrund die mit einem naturalistisch- floralem Ornament, mit Blättern und Ranken geschmückten Innenseiten eines gefundenen Buches.

Shannon Bools Interesse an dem betont Flächenhaften und Kunsthandwerklichen des Ornaments zeigt sich auch in der Reihe der mythologisch umwobenen ‘Familienbilder’ von Agamemnon und seiner Gattin Klytämnestra. Hier ordnen sich die teils vegetabilen, sich rankenden und teils geometrisch stilisierten Verzierungen einerseits, die sie mit Papierresten der 20er Jahre kollagiert oder Vorhangmotiven ihrer Kindheit entnimmt, und die dem Ornament nahestehende Schrift andererseits der Struktur und Funktion des jeweiligen Porträts unter. Als König von Mykene wurde Agamemnon nach seiner Rückkehr vom Feldzug gegen Troja auf Anstiften von Klytämnestra durch ihren Geliebten ermordet. Sie selbst wurde deshalb später von ihren Kindern Orest und Elektra getötet. Die 1876 von Heinrich Schliemann entdeckte und Agamemnon fälschlicherweise zugesprochene Totenmaske diente Shannon Bool als Vorlage für die Aquarellzeichnung seines Porträts. Die zwei weiteren Bildnissen entstammen assoziativen oder recherchierten Quellen der Film- und Kunstgeschichte. Im Wechselspiel mit dem Ornament entsteht so nicht nur eine bildliche, sondern auch inhaltliche Dichte.  (R.B.)

Marcus Kaiser
Achim Lengerer


Shannon Bool
Hartwig Schwarz


Lisa Oppenheim
Andreas Zybach


Andreas Gehlen
Sascha Pohle
  


   
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