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Ausstellung Biografie Text
Thomas Bernhard bestimmte in seiner Erzählung Alte Meister (1985) eine Sitzbank im Kunsthistorischen Museum in Wien als Hauptschauplatz seiner Handlung und Ort des gerichteten, konzentrierten Sehens. Auf dieser Bank sitzend betrachtet sein Hauptprotagonist seit nunmehr dreißig Jahren pedantisch jedes Gemälde auf Fehler. Auch Hartwig Schwarz beschäftigt sich in seiner mehrteiligen Installation sensibel mit Mechanismen der Wahrnehmung und (Selbst-) Reflektion und positioniert leicht gesondert im Raum eine Skulptur, die ihrer klaren, minimalistischen Form und Funktion nach als Bank und damit Gebrauchsobjekt wie auch als autonomes Kunstwerk zu verstehen ist. In hochglänzend gebrochenem Weiß lackiert nimmt ihre Oberfläche den Raum und seine Handlung in sich auf. Die Bank selbst tritt - der Einfachheit von Form und Material halber- vollkommen zurück. Der Blick des Betrachters richtet sich damit nicht mehr allein auf ein Gegenüber, sondern spiegelt sich im Objekt selbst.

Der auf Türhöhe gesetzte Wandtext IT’SIT’S nimmt explizit Bezug auf das Sitzmöbel. Zugleich verweist er als Wortspiel oder Kehrreim auf die Gegenwart, die IST- Situation des Betrachters. Sein refrainartig monotoner Sprechrhythmus entstammt einem "verloren gegangenen Song" und erinnert entfernt an Eric Saties 1917 komponiertes minimalistisches Musikstück Musique d’Ameublement, das eine einzelne Tonsequenz kontinuierlich über mehrere Stunden wiederholt und auf diese Weise sich so selbstverständlich im Raum positioniert wie ein Möbel.

Bank und Text reflektieren sich in Hartwig Schwarz’ wandfüllender Arbeit aus Aluminiumfolie, die - einer Tapete gleich- zugleich Untergrund für eine Fotografie und Gipstafel ist. Die klar umrissene Fläche ist leicht aus dem Lot gekippt und bildet aufgrund ihrer zarten Materialbeschaffenheit jede Unebenheit der Wand wie Narben auf sich ab. Hartwig Schwarz greift bei der Wahl der Aluminiumfolie auf ein Material zurück, das gewöhnlich und vergänglich ist, in der Art seiner Präsentation diese ‘Minderwertigkeit’ jedoch vollkommen verbirgt. Die Spiegelfläche ist teils glänzend, teils matt, und vermag so, den Raum hinter sich auszudehnen und Verbindungen zwischen den Werken beider Künstler herzustellen.

Shannon Bool bewohnte im Rahmen einer Ausstellungsvorbereitung kurzzeitig Hartwig Schwarz’ Kölner (Wohn-)Atelier, in dem auch die Fotografie der zerschossenen Fensterscheibe entstand. Um auf vergleichbar heruntergekommene Wohnverhältnisse und das fehlende Interesse der Bauindustrie an Bestanderhaltung aufmerksam zu machen, wählte Gordon Matta-Clark für eine Gruppenausstellung Fotografien von Häusern der New Yorker South Bronx aus, deren Fenster mit Steinen eingeworfen wurden, und vollendete seine Installation, indem er mit einem Gewehr eigenhändig auf alle Fenster der Ausstellungshalle schoss.

Auf der Aluminiumfläche montiert, wird die Fotografie wie auch die aus der Wand kragende Gipsfläche zu festen Bestandteilen des Raumes. Der auf der porösen Gipsoberfläche fixierte Faden zitiert Marcel Duchamps 16 Miles of String, die er 1942 in kreuz und quer verlaufenden Strängen durch Peggy Guggenheims Galerie verwebte. Schwarz’ Faden entspricht seiner Länge nach genau den Gesamtmaßen des realen Ausstellungsraumes, seine Windungen sind dem höchst persönlichen Zufall überlassen, denn "Ihr Zufall ist nicht derselbe wie meiner, nicht wahr?" (R.B.)

Marcus Kaiser
Achim Lengerer


Shannon Bool
Hartwig Schwarz


Lisa Oppenheim
Andreas Zybach


Andreas Gehlen
Sascha Pohle
  


   
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