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Das Projekt "90 Minuten"’ (2005) basiert auf einer aufwendigen Recherche nach momentan und zukünftig verfügbaren Transportsystemen für den Weltraum. Andreas Zybach wagt sich damit in jenen unbegrenzten Raum vor, den es bereits in Vernes, Wells oder Kiolkowskys fantastischen Beschreibungen und später allen voran durch die Weltraummächte USA, Sowjetunion und Europa zu erobern galt und auch heute noch unbezwingbar vor uns liegt. Zu den seither unabhängig voneinander entwickelten Raumfahrtprogrammen und –systemen zählen u.a. die europäische Trägerrakete Ariane, ein gemeinsames Forschungsprodukt von derzeit vierzehn Staaten Westeuropas, die Spaceshuttles der amerikanische Weltraumbehörde NASA, Apollo Voyager, Titan und die Flugeinheiten der Orbiter Columbia, Challenger, Discovery, Atlantis und Endeavour, sowie die Transportsysteme der ehemaligen Sowjetunion Proton, Soyuz und Zyklon 3. Diese Vehikel werden heute als Komplettleistung zahlreicher Firmen bzw. Konsortien angeboten und für wissenschaftliche, zivile und militärische Missionen oder als kommerzielle Satellitenträger für den Weltmarkt eingesetzt. Die Fahrt ins All hat sich so zu einem interessanten kommerziellen Markt entwickelt, auf dem heftige Konkurrenz herrscht.

Auf der Grundlage von Benutzerhandbüchern, technischen Entwurfszeichnungen und Pressematerial, das Andreas Zybach über einen Zeitraum von fast einem Jahr im Internet recherchierte und ihm auf Anfrage von weltweiten Herstellern zur Verfügung gestellt wurde, entstand eine fünfzehnteilige Plakatserie. Die einfachen, zum Teil hochaufgelösten, gepixelten schwarz-weißen Computerausdrucke dokumentieren einerseits die je nach Auftraggeber qualitativ unterschiedlichen Produktionsmethoden und –bedingungen, andererseits die Verpackung und den oft sehr abenteuerlichen Transport der Raumfähren hin zur Startbahn. Ein separater DinA2- Digitaldruck zeigt in einer schematischen Übersicht die wirtschaftlichen und politischen Vernetzungen aller am Satellitenbau beteiligten Firmen und Nationen, darunter auch die abgebildeten, ihre Konzentrationen, Ordnungen und fragwürdigen Doppelbeteiligungen.

Aus diesem Archivmaterial heraus entwickelte Andreas Zybach ein architektonischen Modell, das im Ausstellungsraum - auf einem kaum sichtbaren, hellgrau lackierten Stahlgerüst präsentiert - zu schweben scheint. Er überträgt bei dem Bau seiner Skulptur die Idee der zweidimensional dargestellten Beziehungskette in die Dreidimensionalität, indem er Frachtraumvolumen ausgewählter Transportermodelle nach authentischen Schnittplänen in verkleinertem Maßstab nachgebaut und in einer hypothetischen Struktur aus Kegel und Zylinder wieder miteinander verbindet. Diese visionäre Superform, die alle am Satellitenbau beteiligten Länder verbinden würde, war während des Kalten Krieges, wie 1975 auch das spektakuläre Ankopplungsmanöver der Soyuz und Apollo zeigte, sowohl politisch als auch technisch undenkbar. Derzeit wird an einem solchen Gemeinschaftsmodell nun tatsächlich geforscht. An der Größe, Materialbeschaffenheit und Produktionstechnik der Satellitenvolumina lassen sich ökonomische Kräfteverhältnisse ablesen. Die militärischen spiegeln sich interessanter Weise auch in der aerodynamischen Form wider, die deutlich Geschossprojektilen ähneln. Die modulare Skulptur verweist als Architekturmodell zudem auf die technologie- und fortschrittsgläubigen Ansätze der 1960er Jahre, in denen Raumfahrt, Elektronik und neue Kommunikationstechniken wie die Entwicklung leichter und unendlich erweiterbarer Tragwerke für utopische Entwürfe genutzt wurden. Im gleichen Wortlaut prognostizierte Lucio Fontana bereits 1948: "Die Architektur der Zukunft wird eine Rakete sein".  (R.B.)

Marcus Kaiser
Achim Lengerer


Shannon Bool
Hartwig Schwarz


Lisa Oppenheim
Andreas Zybach


Andreas Gehlen
Sascha Pohle
  


   
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